1. Einführung in die Bildverarbeitung


Ein "Bild" ist im üblichen Sprachgebrauch etwas, das man sich an die Wand hängen kann, also ein flächiges, zweidimensionales Gebilde. "Bildverarbeitung" beschäftigt sich normalerweise ebenfalls mit zweidimensionalen Bildern, die jedoch nicht mit künstlerischen Mitteln, sondern mit technischen Bildaufnehmern (z.B. einer CCD-Kamera oder einem Scanner) erzeugt werden. Solche Bilder sind in einzelne Pixel aufgeteilt, und die Helligkeitswerte in jedem Pixel sind digitalisiert. Die Bildinformation kann daher recht bequem in Rechnern gespeichert und verarbeitet werden.


Bildverarbeitung

"Bildverarbeitung" oder genauer "digitale Bildverarbeitung" (im Englischen: "digital image processing") ist die Ingenieurdisziplin, die sich vordergründig zunächst mit der Aufnahme, Digitalisierung, Speicherung und Verarbeitung von Bildern befaßt. Ein Bildverarbeitungsingenieur setzt die Methoden und Techniken der Bildverarbeitung ein, um für ein bestimmtes Problem in einer spezifischen Anwendungsumgebung eine Lösung zu finden. Diese Lösung wird gewiß nicht nur aus einem Algorithmus, einem Stück Software oder einer speziellen Beleuchtung bestehen, sondern aus der Kombination und Verknüpfung mehrerer Hard- und Softwarekomponenten. Die Problemlösung besteht also aus einem Bildverarbeitungssystem und schließlich auch in der Integration dieses Systems in die Anwendungsumgebung. Alle Fragen, die mit der Systemauslegung, Systementwicklung und Systemintegration zusammenhängen, sind deshalb ebenfalls wichtige Bestandteile der Ingenieurdisziplin Bildverarbeitung.

Bildverarbeitung ist eine Querschnittstechnologie und wird in praktisch jedem Wirtschaftszweig eingesetzt, nicht nur in der Industrie, sondern auch in Handel und Verwaltung. Methodisch kann man bei den Anwendungen die drei Gebiete der Bildverbesserung, der industriellen Bildverarbeitung und der Bildauswertung unterscheiden.


Bildverbesserung

Bildverbesserung ist die Umsetzung eines aufgenommenen Bildes in ein zweites, gleich großes Bild, in dem jedoch für den menschlichen Betrachter bestimmte Strukturen oder Merkmale besser erkennbar sind als im Original. Beispiele dafür sind die Verfahren, mit denen in den Röntgenaufnahmen bei der Gepäckkontrolle an Flughäfen bestimmte Strukturen farbig hervorgehoben werden, die Kontrastverstärkung von Aufnahmen in Computertomographen, die Strukturen herausarbeitet, die im Originalbild kaum erkennbar sind, oder die verschiedene Einfärbung von landwirtschaftlich genutzten und brachliegenden Flurstücken in einer Luftaufnahme.


Industrielle Bildverarbeitung

Bei der industriellen Bildverarbeitung muß in der Regel die Information, die in einem Bild enthalten ist, drastisch reduziert werden, im Extremfall sogar auf die Aussage, ob das aufgenommene Objekt "gut" oder "schlecht" ist. Das Hauptgebiet der industriellen Bildverarbeitung ist die 100%-Kontrolle in der laufenden Produktion. Prüfaufgaben, bei denen 20 Bilder in der Sekunde aufgenommen und analysiert werden müssen, sind dabei keine Seltenheit. Die Bildverarbeitungslösungen müssen in diesem Bereich vor allem schnell, einfach, kostengünstig und robust sein. Die wichtigsten Teilaufgaben der industriellen Bildverarbeitung sind Vollständigkeitskontrolle, Lagekontrolle, Vermessung, Oberflächenprüfung sowie Identifikation durch Erkennung von Strichcodes, Flächencodes oder Klarschrift. Eine Übersicht über dieses Gebiet gibt die Präsentation "Klassifizierung von Bildverarbeitungssystemen" auf der SPS 99 in Nürnberg.


Bildauswertung

Komplexere Methoden der Bildauswertung sind ein eigenes Teilgebiet der Bildverarbeitung. Das Zählen von Blutkörperchen in einer Blutprobe, die Bestimmung der Größenverteilung von Tonerkügelchen aus einer mikroskopischen Aufnahme oder die Korngrößenbestimmung von Stahl aus der Aufnahme eines Feinschliffs sind komplizierte Bildverarbeitungsprobleme. Unter Umständen muß ein erfahrener Spezialist bei der Bildauswertung manuell in die Bildverarbeitungskette eingreifen und Parameter verändern, damit die Resultate verläßlich sind. Solche Verfahren werden in Prüf- oder Forschungslabors zur Analyse von Stichproben oder Mustern eingesetzt. Die Grenze zur industriellen Bildverarbeitung ist jedoch von beiden Seiten aus fließend und verschiebt sich ständig infolge der technischen Entwicklung der Komponenten, die in der Bildverarbeitung eingesetzt werden. Viele Verfahren, die noch vor fünf Jahren auf Anwendungen im Labor beschränkt waren, können heute in der laufenden Produktion eingesetzt werden.


3D-Bildverarbeitung

Es gibt eine Reihe von weiteren Anwendungsbereichen, in denen die Bildverarbeitung an Bedeutung gewinnt oder in die sie bereits eingedrungen ist. Ein solches Gebiet ist die 3D-Bildverarbeitung. Tiefeninformation kann dadurch gewonnen werden, daß zwei Kameras dieselbe Szenerie aus verschiedenen Winkeln aufnehmen oder dadurch, daß die 2D-Bildaufnahme mit einem anderen Sensor verknüpft wird, z.B. mit einem scannenden Laser-Abstandssensor. Die Berechnung von 3D-Bildern aus diesen Rohdaten und die Auswertung von 3D-Bildern ist mit den Standardverfahren der Bildverarbeitung nicht ohne weiteres möglich. An diesen Problemen wird zur Zeit intensiv gearbeitet.


"machine vision"

Ein weiteres Gebiet, in dem sich die Bildverarbeitung etabliert, ist das sog "Maschinensehen" ("machine vision"). Anders als in der klassischen industriellen Bildverarbeitung wird bei "machine vision" aus einem aufgenommenen Bild eine Information extrahiert, die zur Steuerung einer Anlagenkomponente dient. Beispielsweise kann ein Bildverarbeitungssystem einen Roboterarm über die Auswertung eines Videobildes so steuern, daß eine Praline in der richtigen Mulde in der Pralinenschachtel plaziert wird. Eine einfachere Anwendung der "machine vision" wäre eine intelligente Lichtschranke auf der Basis einer Zeilenkamera, die z.B. bei einer Bogendruckmaschine die Lage der Oberkante des Bogenstapels in der Zuführung vermißt, so daß die Höhe mit einem Stellmotor ständig auf die korrekte Position geregelt werden kann. Auch fahrerlose Transportsysteme oder "Fahrerassistenten", die z.B. automatisch der Seitenlinie auf einer Autobahn folgen, indem sie Bildsequenzen auswerten, gehören in den Bereich der "machine vision". Man kann die klassische industrielle Bildverarbeitung sogar als ein Teilgebiet der "machine vision" auffassen. Generell dringt die Bildverarbeitung immer weiter in Gebiete wie Robotik und MSR-Technik vor, bei denen die Sensorik bisher durch andere Technologien dominiert war. Auch die Anwendungen der Bildverarbeitung in biometrischen Systemen, wie z.B. in Fingerabdrucksensoren, bei der Vermessung der Handgeometrie, bei der Gesichtserkennung oder bei "eyetrackern" zur Verfolgung der Blickrichtung einer Person gehören zum Gebiet der "machine vision".


Grenzen

Auch wenn ein Programm wie Adobe Photoshop oft als "Bildverarbeitungsprogramm" bezeichnet wird, gehören Verfahren der Bildgestaltung nicht zur Ingenieurdisziplin Bildverarbeitung. Diese Fragestellungen, die mit "desktop-publishing" oder der "Druckvorstufe" zu tun haben, sind der Druck- und Reprotechnik oder der graphischen Datenverarbeitung zuzuordnen. Auch die Erstellung von Computeranimationen, wie sie z.B. von den Programmen 3D-Studio oder Macromedia Director unterstützt werden, ist nicht Gegenstand der Bildverarbeitung. Digitale Druckverfahren, ob in Tintenstrahldruckern, Photokopieren oder programmierbaren Druckmaschinen, gehören ebensowenig zur Bildverarbeitung wie die verschiedenen Methoden, mit denen digitale Bilder auf Monitoren, LCDs oder in Großprojektionsverfahren dargestellt werden. Auch die diversen Methoden, mit denen Bilder effizient komprimiert und in verschiedenen Formaten gespeichert bzw. übertragen werden können, sind zwar für "Bildverarbeiter" wichtig und müssen einem Bildverarbeitungsingenieur auch bekannt sein, werden aber eher in den Arbeitsgebieten Telekommunikation oder Informatik als in der Bildverarbeitung weiterentwickelt. Selbstverständlich gibt es zu all diesen Bereichen Berührungspunkte und Überlapp, sie gehören jedoch nicht zu den Kerngebieten der Bildverarbeitung.

Dieser Kurs ist eine Einführung in die Bildverarbeitung mit dem Schwerpunkt industrielle Bildverarbeitung. Bildverbesserung und Bildauswertung werden so weit behandelt, wie es für das Verständnis der Methoden, die in der industriellen Bildverarbeitung eingesetzt werden, erforderlich ist. Einige grundlegende Aspekte der Kameratechnik, der Optik und der Beleuchtungstechnik werden behandelt. Diese und andere wichtige Themen, wie z.B. die gesamte Problematik der Integration in den Fertigungsprozeß (Echtzeit-Bildverarbeitung), Details der Bildauswertung oder die 3D-Bildverarbeitung, müssen aber in weiterführenden Veranstaltungen auf der Grundlage dieser Einführung wieder aufgenommen und vertieft werden.


T 1.0  April 2001    FH Darmstadt FBMN Studiengang OBV      Bildverarbeitung I    © Prof. Dr. Heckenkamp 2001